Montag, 06 Mai 2013 10:05

2. Tipp des Monats 2013: "Die Geburtstagsfeier"

Tipp des Monats (2)

"Die Geburtstagsfeier"

Eine Geschichte aus der Validation-Prraxis
von Maria Hoppe

Eine Freundin, Eva G., rief mich an und teilte mir mit, dass ihre Mutter, Fini K., jetzt ohne Zweifel dement sei. Die Familie diskutiere seit gestern ernsthaft, ob Fini K. in die Psychiatrie zu bringen sei. Beim Nachfragen, was denn passiert sei, erzählte Eva G., dass die Mutter beim gestrigen Geburtstagsfest, zu welchem ihr Sohn, Franz K., viele Gäste in seinen Garten eingeladen hätte, sehr irritiert und unruhig, geradezu ängstlich, gewirkt hätte.
Immer wieder fragte sie mit weit aufgerissenen Augen, wer denn all die Leute seien und wo die alle herkämen.
Eva G. schilderte die Reaktionen der Gäste auf das Verhalten ihrer Mutter und fasste diese folgendermaßen zusammen. „Die geladenen Gäste tauschten Blicke aus, tuschelten ‚so fängt es an'... und eine Frau fragte mich ganz offen: ‚Haben Sie Ihre Mutter schon auf Demenz untersuchen lassen?'
Nachdem die Gäste gegangen waren, half ich meinem Bruder und und meiner Schwägerin beim Aufräumen. Wir steigerten uns immer mehr in eine Art Panik hinein – unsere Mutter dement? ... Natürlich hatten wir schon bemerkt, dass sie dieselben Geschichten immer wieder erzählte, dass sie in kurzen Abständen immer wieder das gleiche nachfragte...
Wir kamen zu dem Schluss, dass unsere Mutter untersucht werden müsse und medikamentös zu behandeln sei, um ihre Unruhe abbauen zu können... Doch vor diesem Schritt kam mir die Idee, dich, Maria, anzurufen. Du kennst meine Mutter und kannst mir als Expertin für den Umgang mit desorientierten alten Menschen vielleicht helfen, was jetzt am besten zu tun wäre."

„Übliche" Reaktion auf das Verhalten:

Alte Menschen mit auffälligem Verhalten werden insbesondere von deren Angehörigen oder FreundInnen sehr genau beobachtet, vor allem auch dann, wenn sie noch dazu ein wenig unsicher oder wackelig unterwegs sind. Dies hat für die Umgebung von desorientiert wirkenden, alten Menschen unterschiedliche Gründe: Sorge, Angst, Unsicherheit damit umzugehen können überfordern, Stress hervorrufen.
Vorerst wird meist mittels logischer Erklärungen versucht, dem alten Menschen auf seine Fragen zu antworten. „Die Leute kennst du doch noch vom Fest damals, als..." oder: „Das sind Bekannte und Freunde von Franz." Die Erklärungen gehen in solch einer Situation häufig ins Leere, werden vom alten Menschen nicht aufgenommen oder verstanden. Man wiederholt die Erklärung, wieder vergebens. Die Stimme wird lauter. Vielleicht hört der alte Mensch schlecht? Dann nimmt man die Hände zu Hilfe, unterstreicht das Gesagte durch die Gestik. Wieder kein Erfolg, der alte Mensch schreckt vielleicht sogar zurück, geht weg, fragt sich weiter durch, als wäre er von etwas getrieben.
Die nächste Variante sind Beschwichtigungen wie: „Setzen Sie sich doch hin, es ist alles in Ordnung, das ist eine Geburtstagsfeier Ihres Sohnes". Die Irritation auf beiden Seiten wächst, die Stimmen werden lauter, die Geduld schwindet...
Vielleicht ist der nächste Versuch, mithilfe von Ablenkung durch Angebote Erfolg zu haben, zur Beruhigung beizutragen, wirkungsvoller? Beispielsweise: „Komm, iss was, schau, was es für gute Sachen gibt" oder: „Setz dich zu uns und raste dich ein bisschen aus..." Irgendwann kann sich gar Resignation breitmachen und das Interesse schwindet, helfen zu wollen, weil „ist alles umsonst, nutzt nix".

Kommentar aus der Sicht von Validation:

Nachfragen, um sich auszukennen, ist sowohl für Menschen mit als auch ohne Desorientierung oder Demenz ganz natürlich, wenn man sich orientieren oder sich auskennen will. Unbekannte Situationen verunsichern nicht nur alte Menschen, insbesondere wenn sie nicht gewohnt sind, regelmäßig unter vielen, ihnen unbekannten Leuten zu sein. Unbekannte Situationen können Stress und Angst verursachen oder Panik auslösen.

  • Das Bedürfnis alter, insbesondere desorientierter Menschen ist, sich sicher zu fühlen, sich auszukennen, sich den Situationen entsprechend angemessen zu verhalten. Sie wollen wissen, wo sie sind, wer die anderen sind, aus welchem Grund um sie herum viele Leute sind, was die anderen von ihnen erwarten könnten, wie sie „ankommen" und ob sie „gut" wirken auf andere...
  • Wenn Menschen in Stress sind, können sie die Umgebung oft nicht klar wahrnehmen, weil sie emotional mit einer Sache beschäftigt sind. Das kann man unter anderem auch daran erkennen, dass der Blick unruhig umherschweift, ganz woanders oder in weite Fernen zu gehen scheint. Daher helfen logische Erklärungen hier nicht.
  • Menschen können durch ungewohnte Situationen völlig aus dem Gleichgewicht geraten, sie streben jedoch nach einem inneren Gleichgewicht. Situationen in der Gegenwart können alte Erinnerungen von ähnlichen Begebenheiten wachrufen und plötzlich gegenwärtig sein lassen - und dadurch ähnliche Gefühle wie damals auslösen. Daher hilft Beschwichtigen hier nicht.
  • Gegenwärtige Ereignisse können unvermittelt gleichsam Fahrkarten in die Vergangenheit sein. Auch die Erfahrung von Damals und Dort wirkt mit, dass der alte Mensch JETZT SO reagiert – anknüpfend daran, wie es ihm oder ihr damals gelungen ist, sich zu helfen oder helfen zu lassen. Daher hilft hier auch keine Ablenkung, zu stark ist das Erlebte im Vordergrund und blockt die Umgebung ab.


Tipp:

Welches Bild ich von einem desorientierten alten Menschen habe, wirkt sich unter anderem sehr wesentlich auf den Umgang mit ihm aus.
Berücksichtigen wir, dass das Verhalten eines Menschen immer einen Grund hat, können wir versuchen, mit ihm gemeinsam ein Stück quasi „in seinen Schuhen zu gehen", indem wir Blickkontakt aufzunehmen versuchen und dann zum Beispiel das Gesagte wiederholen: „Sie möchten wissen, wer diese Menschen da sind?" Es folgt sicherlich eine Reaktion, vielleicht ein erleichtert wirkendes Ja, begleitet von einem Seufzer oder ähnlichem.

  • Konkret fragte ich Eva G., was sie sich von der Einweisung der Mutter in die Psychiatrie tatsächlich erwarte, abgesehen davon, dass eine Einweisung nicht so ohne weiteres möglich ist. Eva G. sagte: „Dass meine Mutter richtig eingestellt und wieder ruhig wird".

Ich konnte Eva G. jetzt zwei Alternativen anbieten:

Erstens:
Zur Frage „Haben Sie Ihre Mutter schon auf Demenz untersuchen lassen?", einer der Auslöser für die Idee, die Mutter in die Psychiatrie zu geben, kann gesagt werden:

Ein Besuch bei einem speziell für die Abklärung und Diagnostik von Demenzerkrankungen (es gibt rund 50 verschiedene Arten von Demenzerkrankungen) ausgebildeten Facharzt oder einer Memory-Klinik wäre absolut einer Einweisung in die Psychiatrie vorzuziehen. Zu solch einem Besuch begleiten die Angehörigen meist die betroffene Person. Spezielle Einrichtungen zur Abklärung einer Demenz wissen, wie sie behutsam sowohl mit den Betroffenen als auch mit Angehörigen oder Bezugspersonen umgehen – auch im weiteren Verlauf der Erkrankung, falls diese überhaupt besteht.
Angenommen, die Mutter käme in die Psychiatrie, würde dort „ruhiggestellt" mit ungewissem Ausgang, ob sie sich von diesem „zwangsweisen", wenn auch gut gemeintem Ortswechsel zu einer ihr völlig unbekannten und ungewohnten Umgebung unter fremden Menschen nicht sogar verschlechtern könnte...vielleicht sogar einen Schock erleidet, weil sie wahrscheinlich nicht verstehen würde, warum sie dorthin gebracht wird...
Die Mutter hatte gute Gründe, sich bei der Geburtstagsfeier so zu verhalten, weil „hinter jedem Verhalten steckt ein Grund" (Naomi Feil). Hinzu kommt noch, dass Fini K. ein eingeschränktes Kurzzeitgedächtnis hat (was Eva G. bestätigt) und ihre Fähigkeit abgenommen haben könnte, Dinge und Personen richtig einzuordnen (oder richtig zuzuordnen). Das vergrößert die Unruhe und Angst bei desorientierten Personen. Die Mutter vergisst womöglich, dass es um die Geburtstagsparty des Sohnes geht und sie weiß nicht, warum sie "hierher" gekommen ist. Sie weiß nicht WO sie ist und vor allem nicht WARUM, insbesondere, wenn sie in Stress ist. Die vielen "fremden" Leute um sie herum sind dann ein zusätzlicher Grund für ihre Angst.

Zweitens:
Unter diesem Gesichtspunkt hilft der Mutter: Liebevolles Nachfragen, gekoppelt mit einer sanften Berührung, vielleicht auch dem Angebot, sich einzuhängen – um ihr das Gefühl zu geben, sie ist nicht alleine in dieser für sie jetzt „fremden Welt".

Drei Grundbedürfnisse sind wichtig zu berücksichtigen, um einem desorientierten alten Menschen zu helfen, sein inneres Gleichgewicht zu erlangen oder erhalten zu können:

  • Gefühle ausdrücken können: Ausdrücken, was in ihr vorgehen könnte: „du möchtest dich auskennen, wer die Leute da sind"...
  • Sich sicher, geliebt und anerkannt zu fühlen: Die Mutter will sich sicher fühlen, also ist es wichtig, dass jemand sie emotional begleitet und sie da abholt, wo sie emotional ist – was sich in ihrem Verhalten ausdrückt durch unruhigen Blick, Umherirren, sich zu orientieren suchen. Unter diesen Gesichtspunkten ist es wichtig, Fini K. das Gefühl zu geben, dass man sie ernst nimmt und ihre Gefühle wahrnimmt und ihr hilft, diese ausdrücken zu können. In weiterer Folge lässt man Fini K. in unbekannten Situationen besser nicht alleine, begleitet sie.
  • Sich nützlich und gebraucht fühlen und das eigene Tun als sinnvoll erleben.


Das kann Validation „bringen":

Verstehen und akzeptieren lernen, dass es hilfreich ist, die oben beschriebenen drei Grundbedürfnisse desorientierter alter Menschen ernst zu nehmen und zu versuchen, dass diese erfüllt werden.

Ergebnis der Telefonberatung:

Eva G. und ihre Familie fanden einen völlig neuen Zugang zu Fini K. Sie lernten, die sich immer wiederholenden Geschichten zu hinterfragen oder einfach stehen zu lassen. Und sie kamen auf die Idee, Fini K. ihr Leben niederschreiben zu lassen. Fini K. blühte auf, besuchte alte Freunde und Orte ihrer Vergangenheit, sammelte Fotos und schrieb ihre Lebensgeschichte auf. Wenn sie zeitweise verwirrt schien, erhielt sie einfach mehr Aufmerksamkeit durch ihre Familie. Die Situation hatte sich für alle entspannt, und zwar dauerhaft. Fini K. schlief eines Tages friedlich ein in der Seniorenresidenz, in welcher sie die letzten Lebensjahre mit fallweiser Pflege-Unterstützung verbracht hatte.

Autorin: Maria Hoppe

Gelesen 16021 mal
javodv.com